Kunst berechnen?

Wie sich der Kunstmarkt seiner Vermessung entzieht.

Erschienen in: Ensuite Nr. 177 September 2017 / von Philipp Koller

Mit der Digitalisierung eröffnet sich auch dem «Kunstinvestment» eine neue Dimension. So wurde in der Financial Times kürzlich die Idee eines Algorithmus für den Kunstmarkt diskutiert. Die Schar an kunstaffinen Investoren, hiess es darin, sei es sich aus der Finanzwirtschaft gewohnt, die Entwicklung ihrer Anlagenwerte automatisiert berechnet und analysiert zu bekommen. Hätten sie auch ein entsprechendes Tool für den Kunstmarkt zur Hand, würden sich diese mächtigen Stakeholder noch so gerne der Beratung durch Galeristen und Auktionshäuser entledigen.

Kunst aber wie einen Börsentitel analysieren zu wollen, scheint nach wie vor einer Quadratur des Kreises gleichzukommen. Zwar finden sich in manchen Portefeuilles sehr vermögender Unternehmer und von Konzernen beachtliche Kunstsammlungen, die neben Wertschriften und Immobilien den Charakter alternativer Geldanagen aufweisen, doch kommt man nicht umhin, eine solche Kunstsammlung unter Berücksichtigung zahlreicher Details anzulegen. Andy Warhol ist nicht gleich Andy Warhol und Picasso ist gleich Picasso. Jedes Werk ist einzigartig. Und daher setzt sich sein Wert aus der Gewichtung von so subtilen Faktoren wie Entstehungsperiode, Seltenheit, Zustand, Provenienz, oder einfach seiner sogenannten «Wallpower» und dem Kunstgeschmack spezifischer Sammlerkreise zusammen. Hier den Bogen über die gesamte «Anlageklasse Kunst» oder selbst die Werke eines einzelnen Künstlers zu schlagen, ist bisher nicht restlos geglückt. Dass die Kunstanlage langfristig auch kein gutes Geschäft ist, sagen seit vielen Jahren auch Ökonomen, wie der an der Universität Zürich lehrende Bruno S. Frey. Die inflationsbereinigte reale Rendite seiner beobachteten Auktionsergebnisse seit dem 17. Jahrhundert liegen bei lediglich 1,5 Prozent, während Aktien im gleichen Zeitraum 3 Prozent einbrachten. Aus diesen Gründen gilt beim Kunsterwerb für jeden Sammler die Devise, selbst eine Leidenschaft zu entwickeln und, unter Inkaufnahme von Verlusten, zu kaufen, was gefällt.

 

Um dem Automations- und Kontrollbedürfnis im Markt dennoch zu begegnen, hat Sotheby’s Ende letzten Jahres nun den von den beiden NYU-Stern-Professoren Jianping Mei und Michael Moses aufgesetzten Mei-Moses-Kunst-Index erworben (der Übernahmepreis bleibt bis Dato unbekannt). Dabei handelt es sich um einen Index, der die Preisentwicklungen im Kunstmarkt anhand von wiederholten Verkäufen einschätzt und analysiert. Ziel ist es, Kunst mit anderen Anlageklassen zu vergleichen und damit eine Entscheidungshilfe für Investoren zu liefern. Grundlage bilden rund 45 000 Objektdaten.

 

 

 

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Auf Wiederverkäufen basieren zum Beispiel auch Immobilien-Indizes, wo gut 90% aller Immobilien repräsentiert sind. Im Kunstbereich repräsentieren mehrmals wiederverkaufte Objekte hingegen lediglich 15% aller Kunstwerke, nämlich hauptsächlich jene der erfolgreichsten Künstler, die damit stark übervertreten sind.

 

Skeptiker relativieren daher einerseits die Aussagekraft des Indexes und halten fest, dass damit allenfalls angezeigt werden kann, ob in Kunst oder einzelne Kunstbereiche investiert werden kann, jedoch nicht, welches spezifische Werk letztlich gekauft werden soll. Um der Einzigartigkeit von Kunstwerken Rechnung zu tragen, wird vielmehr für sogenannt hedonische Indices plädiert. Dies ist eine Variante linearer Regression, die den Preis eines Kunstwerkes in Abhängigkeit der verschiedenen oben beschriebenen Merkmale setzt und dadurch die Performance stärker von den einzelnen Werken ableitet. Beide Index-Varianten dienen jedoch lediglich als Beratungsgrundlage und verhindern die Unterstützung durch Kunstexperten für den Erwerb eines spezifischen Kunstwerkes noch nicht.

 

Und dennoch: Es scheint eine Frage der Zeit, bis die unzähligen publizierten Auktionsergebnisse, Kaufentscheide und Käuferdaten den Weg in eine IT-Lösung finden, welche Sammler ganz in die Unabhängigkeit führen. Das einfachste denkbare Szenario könnte ein virtueller Marktplatz sein, der einem aufgrund seiner digitalen Identität die Kunstwerke seines Geschmacks anbietet. Schwieriger als die Vorliebe für ein Kunstwerk zu antizipieren, wird es für die IT jedoch sein, die Preisentwicklung vorherzusagen. So wird es für den in Yale lehrenden Finanzprofessor William N. Goetzmann nicht möglich sein, den Wert von Stil und Geschmack ohne sinnstiftende kulturelle Werte und Emotionen (kulturelle Narrative) zu ermitteln. Und diese sind bisher nicht zu quantifizieren. Die Beratung durch menschliche Experten dürfte dem Kunstmarkt daher trotz starker Digitalisierung noch eine Weile erhalten bleiben.

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